Arabische Schrift, hebräische Bedienungsanleitungen: Wenn die Leserichtung alles verändert


Warum die Leserichtung mehr ist als nur „von rechts nach links“

Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Bedienungsanleitung in der Hand – doch statt von links nach rechts zu lesen, beginnt der Text auf der rechten Seite und endet links. Abbildungen sind seitenverkehrt, Pfeile zeigen in die „falsche“ Richtung, und selbst die Seitenzahlen scheinen vertauscht. Willkommen in der Welt der rechtsschreibenden Sprachen wie Arabisch oder Hebräisch! Für technische Übersetzer ist die Umstellung der Leserichtung nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern eine Herausforderung an Präzision, Benutzerfreundlichkeit und Sicherheit.

Denn während europäische Sprachen wie Deutsch oder Englisch von links nach rechts (LTR, Left-to-Right) gelesen werden, folgen Arabisch und Hebräisch dem RTL-Prinzip (Right-to-Left). Doch damit nicht genug: Auch Zahlen, Grafiken, Tabellen und sogar die Logik von Benutzeroberflächen müssen angepasst werden. Ein kleiner Fehler kann hier nicht nur Verwirrung stiften, sondern im schlimmsten Fall zu Fehlbedienungen, Sicherheitsrisiken oder rechtlichen Problemen führen.

In diesem Artikel erklären wir, warum die Leserichtung bei technischen Übersetzungen ins Arabische oder Hebräische eine komplexe Aufgabe ist – und wie professionelle Agenturen sicherstellen, dass Anleitungen, Software-Oberflächen und Produktdokumentationen funktional, verständlich und kulturell angemessen bleiben.

1. Die Grundlagen: RTL vs. LTR – Was ändert sich wirklich?

1.1 Der Textfluss: Mehr als nur Spiegelung

Bei RTL-Sprachen wird nicht einfach der Text gespiegelt. Stattdessen müssen mehrere Ebenen angepasst werden:

  • Schriftrichtung: Der Fließtext beginnt rechts und endet links.

  • Zeichenausrichtung: Satzzeichen (wie Kommas oder Klammern) stehen am Anfang eines Satzes, nicht am Ende.

  • Zahlen und Sonderzeichen: Arabische Zahlen (z. B. ١٢٣ statt 123) werden von links nach rechts geschrieben, selbst in RTL-Texten – eine Quelle häufiger Fehler!

  • Bindestriche und Aufzählungen: Listenpunkte oder Trennstriche erscheinen auf der „falschen“ Seite, wenn sie nicht korrigiert werden.

Beispiel:

Deutsch (LTR)

Arabisch (RTL)

1. Schritt eins

١. الخطوة الأولى

2. Schritt zwei

٢. الخطوة الثانية

→ Die Zahlen bleiben LTR, der Text daneben ist RTL!

1.2 Abbildungen und Diagramme: Wenn Pfeile plötzlich nach links zeigen

Technische Illustrationen sind besonders tückisch:

  • Pfeile und Symbole müssen spiegelverkehrt werden, wenn sie eine Richtung anzeigen (z. B. „Drehen Sie den Knopf im Uhrzeigersinn“).

  • Schaltpläne oder Flussdiagramme können unlesbar werden, wenn die Logik nicht angepasst wird.

  • 3D-Darstellungen (z. B. von Maschinen) dürfen nicht gespiegelt werden – sonst zeigt die Anleitung plötzlich die falsche Seite eines Geräts!

Praxisfall: Ein deutscher Hersteller lieferte eine Bedienungsanleitung für eine medizinische Pumpe nach Saudi-Arabien – mit der originalen LTR-Grafik. Ergebnis: Das Pflegepersonal drehte den Regler in die falsche Richtung, weil der Pfeil im Arabischen plötzlich „gegen den Uhrzeigersinn“ wies. Folge: Eine Charge musste zurückgerufen werden.

2. Typografie: Wenn Schriftarten und Layouts rebellieren

2.1 Arabische Schrift: Ligaturen und kontextabhängige Formen

Arabische Buchstaben ändern ihre Form je nach Position im Wort (Anfang, Mitte, Ende). Eine falsche Schriftart oder ein unpassendes Layout kann dazu führen, dass Wörter unleserlich werden. Zudem:

  • Arabisch kennt keine Groß- und Kleinschreibung, aber verschiedene Schriftschnitte für unterschiedliche Kontexte.

  • Hebräisch hat eigene typografische Regeln, z. B. für Vokale (die oft weggelassen werden) oder religiöse Texte.

2.2 Zeilenumbruch und Silbentrennung

  • In RTL-Sprachen gibt es keine Silbentrennung wie im Deutschen. Lange Wörter können unschöne Lücken oder Überlappungen verursachen.

  • Rechtfertigung (Blocksatz) funktioniert anders: Arabischer Text wird oft mit elastischen Leerzeichen (Kashida) gestreckt, um eine gleichmäßige Optik zu erreichen.

Tipp für Übersetzer: Nutzen Sie RTL-optimierte Software wie Adobe InDesign (mit Arabisch/Hebräisch-Unterstützung) oder spezialisierte Tools wie MadCap Flare für technische Dokumentation.

3. Benutzeroberflächen (UI) und Software-Lokalisierung: Ein Albtraum für Entwickler?

3.1 Buttons, Menüs und Icons: Alles auf links?

Bei der Lokalisierung von Software oder Apps ins Arabische/Hebräische müssen sämtliche UI-Elemente angepasst werden:

  • Buttons wandern von rechts nach links.

  • Dropdown-Menüs öffnen sich in die andere Richtung.

  • Fortschrittsbalken laufen von rechts nach links.

  • Icons mit Text (z. B. „→ Weiter“) müssen gedreht oder neu designed werden.

Beispiel aus der Praxis: Microsoft Office bietet eine vollständig RTL-optimierte Version für arabische Nutzer – inklusive gespiegelter Symbolleisten. Doch nicht alle Hersteller investieren diesen Aufwand. Die Folge: Nutzer klicken auf den „Zurück“-Button, der plötzlich dort liegt, wo sie „Weiter“ erwarten.

3.2 Bi-direktionaler Text (BiDi): Wenn Sprachen kollidieren

Moderne Texte mischen oft RTL und LTR – z. B. arabischer Text mit englischen Fachbegriffen oder Zahlen. Hier kommt das Unicode BiDi-Algorithmus ins Spiel, der automatisch die Leserichtung anpasst. Doch:

  • Fehlerhafte Implementierung kann zu kaotischen Textblöcken führen.

  • Programmcode oder Formeln (z. B. in Ingenieursdokumenten) dürfen niemals gespiegelt werden!

Warnung: Ein falsch lokalisiertes Industrie-Steuerungssystem in Israel zeigte Warnmeldungen in Hebräisch – aber die Bestätigungsbuttons („OK“/„Abbrechen“) blieben auf Englisch und in LTR-Anordnung. Ergebnis: Arbeiter bestätigten versehentlich den Abbruch kritischer Prozesse.

4. Kulturelle Fallstricke: Wenn Technik auf Tradition trifft

4.1 Religiöse und rechtliche Vorgaben

  • In Saudi-Arabien müssen technische Dokumente manchmal islamische Termini verwenden (z. B. „Inschallah“ – „so Gott will“ – in Projektplänen).

  • In Israel können hebräische Anleitungen für medizinische Geräte rabbinische Zertifizierungen benötigen, wenn sie im religiösen Kontext genutzt werden.

4.2 Farbsymbolik und Tabus

  • Grün (im Westen oft für „OK“ genutzt) kann in arabischen Ländern religiöse Konnotationen haben.

  • Handzeichnungen in Anleitungen sollten keine „unislamischen“ Darstellungen enthalten (z. B. menschliche Gesichter).

5. Wie professionelle Übersetzungsagenturen RTL-Projekte meistern

5.1 Schritt 1: RTL-spezialisierte Übersetzer und Lektoren

Nicht jeder Arabisch-Übersetzer beherrscht technische RTL-Layouts. Gefragt sind:

  • Muttersprachler mit Technik-Know-how (z. B. Ingenieure oder IT-Experten).

  • Erfahrung mit DTP (Desktop Publishing) für komplexe Layouts.

5.2 Schritt 2: Automatisierte Tools + manuelle Kontrolle

  • CAT-Tools (Computer-Assisted Translation) wie Trados oder MemoQ unterstützen RTL-Text, aber die finale Anpassung erfolgt manuell.

  • Qualitätssicherung durch Native Speaker, die die Anleitung in der Zielsprache testen.

5.3 Schritt 3: Kulturelle Anpassung (Lokalisierung vs. Übersetzung)

Eine wörtliche Übersetzung reicht nicht. Beispiel:

  • Eine deutsche Warnung „Vorsicht: Hochspannung!“ wird im Arabischen oft umformuliert zu „Achtung: Lebensgefahr durch elektrischen Strom!“ – weil die Zielgruppe andere Sicherheitsstandards gewohnt ist.

5.4 Schritt 4: Testphase mit Muttersrachlern

Bevor eine RTL-Bedienungsanleitung in Druck geht, wird sie von lokalen Technikern oder Endnutzern geprüft. Erst dann ist sicher, dass: ✅ Die Leserichtung stimmt. ✅ Abbildungen korrekt sind. ✅ Die Anleitung tatsächlich verständlich ist.

Fazit: RTL ist kein „Nice-to-have“ – es ist ein Muss

Die Umstellung der Leserichtung ist kein kosmetisches Detail, sondern eine Notwendigkeit für Sicherheit, Compliance und Benutzerfreundlichkeit. Wer hier spart, riskiert: ❌ Fehlbedienungen mit möglichen Sachschäden. ❌ Rechtliche Konsequenzen (z. B. bei medizinischen Geräten). ❌ Image-Schäden, wenn Kunden die Anleitung nicht verstehen.

Drei Takeaways für Unternehmen:

  1. Planen Sie mehr Zeit ein – RTL-Projekte dauern länger als LTR-Übersetzungen.

  2. Arbeiten Sie mit Spezialisten, die Erfahrung mit arabischen/hebräischen Techniktexten haben.

  3. Testen Sie immer mit der Zielgruppe, bevor Sie drucken oder veröffentlichen.

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