Warum Chinesisch nicht gleich Chinesisch ist: Dialekte und Fachsprachen in der Technikbranche


Einleitung: Ein Land, eine Sprache? Von wegen!

„Wir brauchen die Anleitung auf Chinesisch.“ – So einfach klingt der Auftrag. Doch wer schon einmal mit Übersetzungen für den chinesischen Markt zu tun hatte, weiß: Chinesisch ist nicht gleich Chinesisch. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine komplexe Sprachlandschaft mit regionalen Dialekten, unterschiedlichen Schriftsystemen und branchenspezifischen Fachsprachen. Besonders in der Technikbranche kann ein falsch gewählter Dialekt oder eine unpassende Terminologie zu Missverständnissen, Sicherheitsrisiken oder sogar rechtlichen Problemen führen.

In diesem Artikel erklären wir, warum Unternehmen, die technische Dokumente für China übersetzen lassen, genau hinsehen müssen – und welche Fallstricke sie vermeiden sollten.

1. Hochchinesisch vs. Dialekte: Warum „Standard-Chinesisch“ nicht überall reicht

1.1 Mandarin (Hochchinesisch) – die offizielle Sprache, aber nicht die einzige

  • Mandarin (普通话, Pǔtōnghuà) ist die offizielle Sprache der Volksrepublik China und wird in Medien, Bildung und Regierung verwendet.

  • Doch: Nur etwa 70 % der Chinesen sprechen Mandarin als Muttersprache. Viele nutzen im Alltag regionale Dialekte wie Kantonesisch (广东话, Guǎngdōnghuà), Shanghainesisch (上海话, Shànghǎihuà) oder Hokkien (闽南语, Mǐnnányǔ).

  • In technischen Kontexten (z. B. Fabriken, Werkstätten) wird oft lokaler Dialekt gesprochen – besonders in Südchina (Guangdong, Fujian) oder Taiwan.

Problem: Eine Bedienungsanleitung, die nur auf Mandarin verfasst ist, kann für Arbeiter in Guangzhou oder Hong Kong (wo Kantonesisch dominiert) schwer verständlich sein.

Beispiel:

Mandarin
(Standard)

Kantonesisch
(Guangdong)

Bedeutung

打开 (dǎkāi)

(hoi1)

„öffnen“

螺丝 (luósī)

螺絲 (lo4 si1)

„Schraube“

→ Ein Techniker, der nur Kantonesisch spricht, könnte eine rein auf Mandarin verfasste Anleitung nicht vollständig verstehen.

1.2 Schriftchinesisch: Traditionell vs. Vereinfacht

China nutzt vereinfachte Schriftzeichen, während Taiwan, Hong Kong und Macau die traditionelle Schrift verwenden.

Beispiel:

Vereinfacht
(Festlandchina)

Traditionell
(Taiwan/Hong Kong)

Bedeutung

电脑 (diànnǎo)

電腦 (diànnǎo)

„Computer“

机器 (jīqì)

機器 (jīqì)

„Maschine“

Folgen:

  • Eine Anleitung in vereinfachten Zeichen ist in Taiwan schwer lesbar (und umgekehrt).

  • Rechtliche Vorgaben: In Taiwan müssen offizielle Dokumente in traditioneller Schrift vorliegen.

Praxisfall: Ein deutscher Maschinenhersteller lieferte eine Anleitung in vereinfachten Zeichen nach Taiwan – und musste sie nachträglich komplett neu übersetzen, um die lokale Zertifizierung zu erhalten.

2. Fachsprachen: Wenn „Schraube“ nicht gleich „Schraube“ ist

2.1 Branchenjargon und technische Terminologie

Selbst innerhalb des Mandarins gibt es große Unterschiede zwischen den Fachsprachen:

  • Maschinenbau nutzt andere Begriffe als die Elektronikbranche.

  • Militär- und Luftfahrttechnik haben eigene, oft geheime oder normierte Bezeichnungen.

  • Software- und IT-Begriffe werden teilweise aus dem Englischen übernommen (z. B. „Cloud Computing“ → 云计算, yún jìsuàn), aber nicht immer einheitlich.

Beispiel:

Branche

Mandarin-Begriff

Wörtliche Übersetzung

Fachliche Bedeutung

Maschinenbau

螺栓 (luóshuān)

„Bolzen“

„Schraube“ (allgemein)

Elektronik

螺钉 (luódīng)

„Schraubnagel“

„Kleinteil-Schraube“

Luftfahrt

紧固件 (jǐngùjiàn)

„Befestigungsteil“

„Befestigungselement“ (Normteil)

Risiko: Wenn ein Übersetzer den falschen Fachbegriff wählt, kann das zu Fehlmontagen führen – besonders in sicherheitskritischen Bereichen wie der Medizintechnik oder Luftfahrt.

2.2 Normen und Standards: Wer bestimmt die Terminologie?

China hat eigene technische Normen (GB-Standards), die oft von internationalen ISO-Normen abweichen.

  • GB/T 15054 (Technische Zeichnungen) legt fest, wie Bauteile benannt werden.

  • GB 4793.1 (Sicherheit elektrischer Geräte) definiert Warnhinweise.

Problem: Ein Begriff wie „Sicherheitsventil“ kann je nach Norm anders übersetzt werden:

  • 安全阀 (ānquánfá) – allgemeiner Begriff

  • 泄压阀 (xièyāfá) – „Druckentlastungsventil“ (spezifischer)

Falsche Übersetzungen können Zertifizierungen gefährden!

3. Regionale Unterschiede: Nord vs. Süd, Festland vs. Taiwan

3.1 Nordchina (Peking, Shanghai) vs. Südchina (Guangdong, Fujian)

  • Aussprache und Tonfall unterscheiden sich stark.

  • Technische Begriffe werden teilweise anders verwendet.

Beispiel: In Shanghai sagt man für „Schweißnaht“ oft 焊缝 (hànfèng), während in Guangzhou auch 焊接线 (hànjiēxiàn) gebräuchlich ist.

3.2 Taiwan: Ein Sonderfall

  • Andere Normen (CNS statt GB).

  • Andere Einheiten (z. B. Zoll statt Millimeter in einigen Branchen).

  • Englische Lehnwörter sind häufiger (z. B. „Laptop“ statt 笔记本电脑, bǐjìběn diànnǎo).

Fallbeispiel: Ein deutsches Unternehmen übersetzte eine Software-Dokumentation für den chinesischen Markt – ohne zu beachten, dass die Zielgruppe in Taipei saß. Ergebnis: Die Nutzer verstanden die Fachbegriffe nicht, weil sie auf Festland-Chinesisch basierten.

4. Wie Unternehmen die richtige „Chinesisch“-Version wählen

4.1 Zielgruppe genau definieren

  • Für wen ist der Text? (Ingenieure, Arbeiter, Endkunden?)

  • Wo wird er genutzt? (Festlandchina, Taiwan, Hong Kong, Singapur?)

  • Welche Branche? (Maschinenbau, Elektronik, Chemie?)

4.2 Mit lokalen Experten arbeiten

  • Muttersprachler aus der Zielregion kennen die richtigen Dialekte und Fachbegriffe.

  • Technische Lektoren prüfen, ob die Terminologie normkonform ist.

4.3 Glossare und Styleguides erstellen

  • Unternehmensspezifische Terminologie festlegen (z. B. „Schraube“ = 螺栓).

  • Regionale Anpassungen dokumentieren (z. B. traditionelle Schrift für Taiwan).

4.4 Tests mit der Zielgruppe

Bevor eine Anleitung in Druck geht, sollte sie von lokalen Technikern oder Nutzern geprüft werden.

5. Kostenfalle: Warum „Billig-Übersetzungen“ teuer werden

Viele Unternehmen sparen an der Übersetzung – und zahlen später den Preis:

  • Rückrufe wegen falscher Bedienung.

  • Verzögerte Zertifizierungen (z. B. CCC-Mark in China).

  • Image-Schäden, wenn Kunden die Anleitung nicht verstehen.

Statistik: Laut einer Studie der Chinesischen Handelskammer führen schlechte Übersetzungen in der Technikbranche zu bis zu 20 % höheren Support-Kosten.

6. Fazit: Chinesisch ist nicht gleich Chinesisch – aber mit der richtigen Strategie kein Problem

Checkliste für technische Übersetzungen ins Chinesische:

Zielmarkt festlegen (Festland, Taiwan, Hong Kong?).
Dialekt und Schriftsystem (Mandarin/Kantonesisch? Vereinfacht/Traditionell?).
Fachterminologie prüfen (Branchenstandards, Normen).
Lokale Experten einbinden (Übersetzer + Techniker).
Testphase einplanen (Nutzerfeedback einholen).

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