Gendern international / Gendern in anderen Ländern


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Das „Gendern“ – hierzulande mittlerweile ein echtes Reizthema, das eine aufgeheizte und emotionale Debatte ausgelöst hat und sogar im Wahlkampf der letzten Wochen und Monate herangezogen wurde. Wenig erhitzt das deutsche Gemüt derzeit so sehr wie die Frage nach der Umsetzung oder gar Notwendigkeit von geschlechtergerechter Sprache im Deutschen. An der ein oder anderen Stelle wird sogar über ein Verbot von Sternchen, Schrägstrichen und Binnen-Is in öffentlichen Einrichtungen diskutiert. Dabei scheint gerade für viele junge Menschen das Gendern überhaupt kein Problem zu sein, es wird im Alltag ganz selbstverständlich angewendet und gehört zum „normalen“ Sprachgebrauch. Und auch verschiedene große deutsche Wirtschaftskonzerne haben mittlerweile einen Standpunkt zum Thema entwickelt, so heißt es zum Beispiel von Seiten der Lufthansa, man wolle künftig genderneutrale Sprache verwenden und z.B. bei der Begrüßung der Passagiere auf „Sehr geehrte Damen und Herren“ verzichten und es durch ein schlichtes „Guten Tag“ oder auch „Willkommen an Bord“ ersetzen. Gegenderte Sprache ist eben ein Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins von Frauen, Diversen und anderen nicht-männlichen Geschlechtern und wirbt für bzw. stellt die Anerkennung gewandelter gesellschaftlicher Realitäten heraus. Die am häufigsten geäußerten Kritikpunkte an gendergerechter Sprache im Deutschen sind

  • die Uneinheitlichkeit in der Umsetzung bzw. fehlende Regularien (Welche Form [*, :, /, …] benutze ich und wann kann/muss ich sie verwenden?)
  • die Schwierigkeiten bei der Aussprache (der Glottisschlag, also die kleine Pause, die man etwa bei Schüler:innen macht, würde den Redefluss stören)
  • das völlige Überflüssigsein solcher sprachlicher Angleichungen bis hin zu der Kritik, dass gerade das Gendern die Existenz verschiedener Geschlechter betone und Diskriminierung so noch hervorheben würde
  • der Einwand, dass das generisches Maskulinum nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun habe, was die Debatte daher völlig überflüssig mache

Als Übersetzer:innen stehen wir nun aber nicht nur vor der bisweilen kniffligen Frage, wie das Thema im Deutschen gehandhabt werden muss, sondern auch vor der Herausforderung, das Ganze angemessen in einer oder mehreren weiteren Sprachen umzusetzen. Denn auch in anderen Ländern und Sprachen spielt Gendergerechtigkeit eine Rolle. Wie gehen also unsere Nachbarländer in Europa oder auch andere große Nationen weltweit mit dem steigenden Bedürfnis der Kenntlichmachung verschiedener Geschlechter (nicht nur männlich und weiblich) in Sprache um?

Vorneweg: In manchen Sprachen gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Substantiven und Pronomen, der Begriff für z.B. einen Politiker bzw. eine Politikerin wäre also der gleiche. Genauso wenig wird in puncto „er/sie/es” differenziert. Zu dieser Sprachgruppe gehören beispielsweise Estnisch, Finnisch oder Ungarisch, sowie einige asiatische Sprachen. Biologische Geschlechtszugehörigkeit wird hier zum Beispiel durch Prä- oder Suffixe ausgedrückt.


Englisch

Und wie sieht es bei unserer Weltsprache Englisch aus? Im ersten Moment möchte man denken, dass es im Englischen ja ohnehin nur einen Artikel und daher keine grammatischen Geschlechter gibt. Aber: Trotz der einfacheren Geschlechtskennzeichnung gibt es auch im Englischen Beispiele für Sexismus. Da ist zum Beispiel die häufige Bezeichnung von Menschen als „men“ (Menschheit = „mankind“) oder die informelle Ansprache von gemischtgeschlechtlichen Gruppen als „guys“ („Leute“, eigentlich „Kerle“). Der ehemalige Präsident Barack Obama sprach hier stattdessen gern von „folks“.

Ganz allgemein sind Engländer und US-Amerikaner aber schon recht weit vorn, wenn es darum geht, ihre Sprache inklusiver zu gestalten.
Will man bei einem bestimmten Thema deutlich machen, dass es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, setzt man „male“ oder „female“ davor. Allerdings gibt es auch noch vereinzelte geschlechtsspezifische Berufsbezeichnungen wie „fireman“, „waitress“ oder „postman“, die zunehmend ersetzt werden durch „fire fighter“, „server“ oder „mail carrier“. Universitäten ersetzen die Bezeichnung „freshmen“ für Erstsemester inzwischen oft durch „first-year students“.
Dass sich die Gendern-Debatte im Englischen noch nicht erübrigt hat, zeigt z.B. auch ein Beschluss des kanadischen Joint Terminology Panels, welches die Bezeichnung „unmanned vehicle” für ein Fahrzeug ohne Besatzung als nicht-gendergerecht identifiziert hat und künftig die Verwendung von „uncrewed” vorschreibt.

Im Umgang mit den Pronomen ist man ebenfalls nicht unkreativ: Ursprünglich wurde oft (s)he, s/he oder einfach nur she (he ist im she ja schon enthalten) verwendet, um genderneutral zu formulieren. Eine Möglichkeit zur geschlechtsneutralen Ansprache von Gruppen oder auch nonbinären Menschen ist die Reaktivierung des altenglische Singular-They, das bis ins 18. Jahrhundert als genderneutrales Personalpronomen gebräuchlich war. Es erscheint inzwischen schon auf Buchklappentexten und ist auch sonst in den Sprachgebrauch eingezogen. Auch im Online Oxford Dictonary hat es einen Eintrag: People who are non-binary (= do not identify as either male or female) also often prefer to be referred to as they. “Asher thought they were the only non-binary person at school.”
Als dritte Alternative gibt es noch Bestrebungen, ze als neues, genderneutrales Pronomen zu etablieren.

Die aktuellen Diskussionen zum Thema Gendern finden vor allem auch im akademischen Kontext und in der LGBTQ-Community statt. Früher wurde empfohlen, in der Anrede nicht mehr zwischen „Mrs“ (verheiratete Frau) und „Miss“ (unverheiratete Frau, Fräulein) zu differenzieren, da dies bei Männern in der Anrede „Mr“ auch nicht getan wird. Das hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch – genau wie im Deutschen – weitestgehend durchgesetzt. „Miss“ wird nur noch sehr eingeschränkt verwendet.
Eine neuere Entwicklung ist nun der Vorschlag, „Mx" (z.B. auch die Abwandlung „Mx. Perfect“ von „Mr. Perfect“) als geschlechtsneutrale Anrede zu verwenden. Diese Neuform hat es auch schon ins Online Oxford Dictionary geschafft.

Während der Trend im Englischen also überwiegend dahin geht, eine neutrale Sprache zu verwenden und eine Kategorisierung nach Geschlecht aufzuheben, kann man vor allem in der LGBTQ-Community auch eine gegenteilige Bewegung beobachten: nämlich möglichst genau zwischen verschiedenen Genderidentitäten zu differenzieren und sie zu definieren. Gender wird dabei als konstruiert und fluide angesehen, Individuen können sich also mal so und mal anders einordnen.


Spanisch

In Spanien und den spanischsprachigen Ländern Südamerikas werden ähnliche Debatten um gendergerechte Sprache geführt wie in Deutschland, wobei Argentinien beispielsweise bedeutend weniger konservativ ist als Spanien. Ganz allgemein ist die Gleichberechtigungs-Bewegung in den spanischen Ländern viel weiter als in Deutschland. Die Debatte wird auch viel weniger unter der Gürtellinie geführt als hier. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens für die Nennung beider Geschlechter.

Im Spanischen ist es grundsätzlich etwas komplizierter als im Deutschen, gendergerecht zu schreiben, da es neben der weiblichen und der männlichen Form der Adjektive auch eine weitere gibt, die beide Geschlechter umfasst. Es müssten also auch die Adjektive gegendert werde.
Wie auch im Deutschen ist eine der wichtigsten Fragen, ob der männliche Plural die Frauen mit einschließt. Die Grammatik sagt „Ja“ (Stichwort „generisches Maskulinum“), aber es gibt Untersuchungen, die zeigten, dass Rezipienten bei der Pluralform zuerst an Männer dachten.
Leute, die sich gendergerecht ausdrücken wollen nennen längst einfach beide Geschlechter oder verwenden im Plural in der Schriftsprache z.B. Formen mit der Endung -es anstelle von -os für männliche oder gemischte Gruppen oder eben -as für weibliche Gruppen.
Analog zum Genderstern und Gendergap gibt es im Spanischen das @- oder x-Zeichen. Und die Varianten um das weibliche -a und das männliche -o werden oft um ein neutrales -e als Endung ergänzt. Bsp.:

Alle feiern zusammen.

(Jungen/chicos): Todos celebran juntos.
(Mädchen/chicas): Todas celebran juntas.
(neutral): Todxs celebran juntxs.
 Tod@s celebran junt@s.
 Todes celebran juntes.

Diskutiert wird darüber hinaus über weibliche und männliche Berufsbezeichnungen, für die viele Spanierinnen eigene, weibliche Begriffe fordern. Oftmals wird einfach die weibliche Form für Berufsbezeichnungen gebildet – auch wenn diese grammatikalisch eigentlich falsch ist. Ein Beispiel hierfür ist „la presidenta“ statt „la presidente“, was sich in Argentinien schnell durchsetzte, als es mit Christina Kirchner die erste weibliche Staatschefin gab. Und natürlich gab es auch in Argentinien und Spanien Gegner, die el presidente verteidigten, ähnlich wie in Deutschland auch einige Leute Angela Merkel mit dem generischen Maskulinum „Bundeskanzler“ bezeichnen wollten. Das hat sich allerdings weder in Argentinien noch in Deutschland durchgesetzt.
Inzwischen haben auch in Spanien immer mehr Firmen eine „jefa“, also eine Chefin. Daran können sich einige Manager anscheinend schneller gewöhnen als an den überraschenden Empfang durch einen weiblichen „jefe“.

Der ganzen Thematik gegenüber stehen oftmals die Real Academia Española und Sprachakademien der anderen spanischsprachigen Länder, die für die spanische Sprache zuständig sind. Diese werden häufig für ihre antiquierten Ansichten kritisiert und lehnen noch immer viel ab, das sich in der Gesellschaft eigentlich schon durchgesetzt hat.


Italienisch

In Italien hat die Debatte um gendergerechte Sprache in den 1980er Jahren zwar einen Anfang genommen, das Gendern wird heute aber noch nicht so stark thematisiert wie aktuell im Deutschen. Die Politik geht ein bisschen auf das Thema ein, im wissenschaftlichen Kontext ist die Diskussion aber noch nicht sehr präsent. Gendersternchen und andere Stilmittel lösen im Italienischen keine großen Diskussionen aus. Italienische Linguisten setzen sich mit gendergerechter Sprache nur wenig auseinander, da Projekte in dieser Hinsicht kaum finanziell gefördert werden. Bei Generalisierungen gibt es im Italienischen derzeit keine neutralen Begriffe, es wird hauptsächlich die männliche Form verwendet.

Ein besonderes Augenmerk liegt derweil, wie auch in anderen Ländern, auf der Verwendung von geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen. Es gibt ein paar Berufe, bei denen es seit längerer Zeit verschiedene Berufsbezeichnungen für beide Geschlechter gibt, zum Beispiel „der Lehrer“ und „die Lehrerin“, auch „die Ministerin“; bei „Ingenieur“ wird aber beispielsweise tendenziell nur das Maskulinum verwendet. Das deutsche Wort „Menschheit“ wird im Italienischen häufig mit „der Mann/die Männer" (l'uomo/gli uomini) übersetzt. Große Diskussionen entstehen deswegen allerdings nicht.


Französisch

Der Kampf für die Geschlechtergleichheit startete in Frankreich 1984, als die damalige Frauenministerin Yvette Roudy eine Kommission einsetzte, die weibliche Formen für Berufsbezeichnungen kreieren sollte. Die besonders mächtige und ebenso konservative Académie Française schlug Alarm und Claude Lévi-Strauss führte das auch heute noch gern genutzte Argument des Unterschieds zwischen dem „genre grammatical“ und dem „genre naturel“ an. (Mittlerweile hat die Académie Française allerdings ein Plazet für die Feminisierung der Berufsbezeichnungen und Titel gegeben.)
Noch 2017 aktivierte sie sogar den damaligen Premierminister Phillippe, der sich in die Debatte um ein Schulbuch einmischte, das in inklusiver Sprache geschrieben war und verbot solcherlei Französisch im offiziellen Sprachgebrauch. Ministerinnen mussten sich als Madame le minstre anreden lassen, ob sie wollten oder nicht.

Im Französischen gibt es heute grob gesagt zwei Lager: Eins, das sich für gendergerechte Sprache einsetzt und eins, das dagegen ist und seine Ablehnung öffentlich, jedoch nicht vernichtend, sondern eher offen und ironisch äußert. Die Debatte wird aber von beiden Seiten recht moderat geführt, obwohl es sich im Grunde um ein höchst sensibles Thema handelt, denn die Rolle der Frau steht auch in Frankreich im Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, was natürlich auch die gendergerechte Sprache berührt. Jeder geht recht vorsichtig an gender- und sprachwissenschaftliche Fragen heran, weil sie aktuell so relevant wie heikel sind.

Die Französinnen und Franzosen haben es ähnlich schwer wie die Sprecher der spanischen Varietäten: Das Französische ist noch genderintensiver als das Deutsche, denn es müssen auch Adjektive und Verben angepasst werden.

Anfang 2019 gab die Académie Française dem Volkswillen, oder besser gesagt dem ohnehin praktizierten französischen Sprachgebrauch nach. Seitdem sind neue weibliche und genderneutrale Berufsbezeichnungen im offiziellen Französisch erlaubt. Benutzt werden sie ohnehin – im Alltag, in Zeitungen oder in den Wörterbüchern privater Verlage. Zum Beispiel gibt es zum männlichen acteur und zur weiblichen actrice den neutralen acteure, der alle Geschlechter vereint.
Schwierig wird es in ganzen Sätzen. Die Franzosen kennen einen Genderpunkt, analog zu unserem Genderstern oder Genderunterstrich. Allerdings sehen Sätze damit doch gewöhnungsbedürftig aus:

Die Schauspieler:innen haben sich auf das Casting vorbereitet.
Les acteur·rice·s se sont préparé·e·s pour le casting.


Eine mehrheitsfähige Lösung ist das so vermutlich noch nicht.

Als genderneutrales Pronomen setzt sich im Französischen Sprachraum zunehmend yel/iel durch. Im offiziellen Französisch ist es allerdings noch nicht angekommen. Es wird aber immerhin so weit im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet, dass Anfang 2021 einige konservative Abgeordnete im französischen Parlament Wörter dieser Art verbieten lassen wollten.


Niederländisch

In den Niederlanden gibt es eine solche Diskussion über geschlechtergerechte Sprache wie in Deutschland eher nicht. In den 1970er- und 1980er-Jahren war eine feministische Linguistik kurz ein Thema, die Diskussion ist aber zur Jahrtausendwende fast gänzlich verschwunden.
Anders als im Deutschen muss bei der Verwendung eines Substantivs das Geschlecht bei den Holländern nicht immer sprachlich gekennzeichnet werden. Im Niederländischen fallen die männliche und die weibliche Form zusammen. Darüber hinaus gibt es bei einigen Wörtern, wie zum Beispiel „Professor“, gar keine weibliche Form. Die ursprünglich männliche Form hat sich in den Niederlanden in den letzten 20 Jahren für die geschlechtsneutrale Verwendung weitgehend etabliert.
Nun könnte man fragen, warum sich dort niemand darüber aufregt wie in anderen Ländern.
Dabei wäre es allerdings reine Spekulation, dem Holländer eine generell pragmatische Haltung zu unterstellen und eine wenig emotional geführte Debatte als Begründung zu liefern. Die Diskussionen um Gender und Unisextoiletten beispielsweise gibt es in den Niederlanden nämlich auch, sie hat nur keine bedeutenden sprachlichen Konsequenzen.
Die Verwendung des generischen Maskulinums hat auch im Niederländischen historische und sprachstrukturelle Gründe. Im Deutschen funktioniere die Verweiblichung fast immer durch das Anhängen von „–in“. Diese Möglichkeit gibt es grundsätzlich auch im Niederländischen, sie wird aber nicht mehr genutzt.

Wie bereits erwähnt wird die Sprache auch in den Niederlanden inklusiver. Allerdings geräuschloser als in vielen anderen Ländern. Das Niederländische kennt zwar, gleich dem Deutschen, die drei Genera maskulin, feminin und neutral. Es gibt aber nur zwei Artikel, wobei der/die im Niederländischen praktischerweise identisch de lautet. Das erleichtert es natürlich ungemein, Berufsbezeichnungen als neutral zu interpretieren. Viele haben eh nur eine Version und bei denen, die zwei Bezeichnungen haben, dürfte die weibliche Alternative über kurz oder lang verschwinden. Anders bei vormals weiblich dominierten Berufen, die nun auch von Männern ausgeübt werden: Hier werden meistens neue Wörter geschaffen.
Dass das biologische Geschlecht im Niederländischen wichtig ist, sieht man zum Beispiel an den Pronomen. Het meisje ist im Niederländischen ebenso sächlich wie das Mädchen im Deutschen. Während wir auf Deutsch aber sagen „Das Mädchen steckt die Hände in seine Taschen“ würde man auf Niederländisch dem Sexus den Vorzug geben und sagen „Das Mädchen steckt die Hände in ihre Tasche“.
Genauso wird auch Rücksicht auf die LGBT-Community genommen und auf all die, die sich nicht eindeutig der Kategorie Mann oder Frau zuordnen wollen. So spricht die niederländische Bahn ihre Fahrgäste nicht mehr mit „Damen und Herren“ an, sondern neutral mit „liebe Reisende“.


Schwedisch

Die Schweden üben sich schon lange in einer möglichst geschlechtsneutralen Sprache. Bei Substantiven kennen sie seit einiger Zeit nur noch zwei Geschlechter: das Neutrum und das männlich-weibliche Utrum.
Im Gegensatz zum Deutschen ist es bei Berufsbezeichnungen dabei üblich geworden, nur noch die männliche Variante zu nennen: Aus Lehrerin und Lehrer, „Lärarinna“ und „Lärare“, ist über die Zeit nur „Lärare“ geworden, weil die weibliche Variante die Unterschiede eher betont und unzeitgemäß wirkt. Einen weiblichen Seefahrer nennen die Schweden einen „Sjöman“, ein männlicher Pfleger im Krankenhaus wird im gleichen Zuge einfach „Sjuksköterska“, also Krankenschwester, genannt. Häufig ersetzen die Schweden kvinna/-man auch einfach durch -person und neutralisieren so ihre Begriffe. Bei Polizisten sind heute beide Polis (statt Polisman), Parlamentsabgeordnete heißen in der Regel nicht mehr Riksdagsman oder Riksdagskvinna, sondern Riksdagsledamot, also Reichstagsmitglied.

Besonderes Aufsehen erregte in der schwedischen Genderdebatte das Kunstwort „Hen“, das im Jahr 2015 als genderneutrales Personalpronomen offiziell in die Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen wurde. Lange hat die schwedische Gesellschaft darüber gestritten.
Erfunden wurde dieses „Hen“ bereits 1966 von einem Sprachwissenschaftler, der das ständige „er und/oder sie“ unpraktisch fand, das sich damals einzubürgern begann. „Er“ heißt auf Schwedisch „Han“, „Sie“ heißt auf Schwedisch „Hon“; daraus wurde „Hen“ als allumfassendes Personalpronomen.
2012 erschien dann ein Kinderbuch von Jesper Lundqvist, in dem der Autor konsequent das Personalpronomen „Hen“ verwendet, wenn er über seine Hauptfigur, das Kind Kivi spricht. Daraufhin kam „Hen“ so richtig in der politischen Debatte und im allgemeinen Bewusstsein an. Jahr für Jahr verzeichnen Sprachforscher seither eine stärkere Verwendung des Wortes, das alle Geschlechter gleichermaßen meint: Männer, Frauen und Nichtbinäre. Die Verwendung wird selbstverständlicher und sie ist auch nicht kompliziert, was die Verbreitung begünstigt.


Arabisch

Das Arabische ist eine binäre Sprache, was sich bei den Personalpronomen ebenso wie bei den Nomen widerspiegelt. Bei beiden existieren zwar maskuline und feminine Formen, aber keine geschlechtsneutralen. Die Ausnahme bildet, wie im Deutschen, die erste Person im Singular (ana) und im Plural (nahnu). Jedoch werden in der zweiten und dritten Person Singular wie Plural maskuline und feminine Formen unterschieden. Beispielsweise heißt das maskuline „du“ auf Arabisch „anta“, das feminine aber „anti“. Diese geschlechtsspezifische Unterscheidung gilt ebenso beim Dual, der – mit Ausnahme der ersten Person – dann verwendet wird, wenn es sich um zwei Personen handelt.
Demnach besteht im Arabischen kein Spielraum, um Zweigeschlechtlichkeit sprachlich auszudrücken, auch wenn es dafür, aus biologischer Sicht, Begriffe gibt wie mukhannath (zweigeschlechtlich) und khuntha (Hermaphrodit). Entscheidend ist in erster Linie die biologische Sicht auf den Menschen. Zunehmend diskutiert wird jedoch die subjektive Empfindung und die eigene Körperwahrnehmung. Damit beschäftigen sich heute auch islamische Theologen, die sich am Stand der Wissenschaften orientieren, um auf dieser Grundlage Rechtsmeinungen, also Fatwas, zu verfassen.


Türkisch

Türkisch zu erlernen ist nicht ganz einfach, denn türkçe ist eine agglutinierende Sprache: Person, Zeit und Fall werden durch Anhängsel ans Wort zum Ausdruck gebracht. Allerdings ist die türkische Grammatik von nur wenigen Ausnahmefällen geprägt, ein grammatisches Geschlecht und Artikel (außer bir: „ein“, „eine“) gibt es erst gar nicht. Im Türkischen muss man also nicht mitlernen, ob es der Stift, die Stift oder das Stift heißen muss.
Neben Wortpaaren für Menschen wie in kadin – erkek/Frau – Mann, gibt es auch ein paar wenige Bezeichnungen für weibliche und männliche Lebewesen: tavuk – horoz/Henne – Hahn, wobei dies eine sehr umständliche Formulierung ist, die selten verwendet wird.
Ein weiteres Verfahren, um das Geschlecht zu kennzeichnen, kommt vor allem bei Berufsbezeichnungen zum Einsatz: Garson kann sowohl die Kellnerin als auch der Kellner sein. Um zum Ausdruck zu bringen, ob es sich um eine Kellnerin oder einen Kellner handelt, setzt man das Wort kadin (Frau) oder erkek (Mann) vor die Berufsbezeichnung: kadin garson/erkek garson. Gendergerecht wird die Sprache deswegen noch lange nicht verwendet. Ganz im Gegenteil: Der Ausdruck Adam (Mann) steht für positive Eigenschaften wie tugendhaft, ehrlich und loyal. So werden auch Frauen, auf die diese Eigenschaften zutreffen, von ihren Mitmenschen als Adam bezeichnet: Adam gibi kadin (Die Frau ist wie ein Mann).
Seit den neunziger Jahren versuchen feministische Aktivisten eine gendergerechte Verwendung der türkischen Sprache durchzusetzen und die Gesellschaft durch einen veränderten Sprachgebrauch "gerechter" zu machen. Zuletzt bekamen diese Bemühungen durch die Gezi-Proteste im Jahr 2013 einen Auftrieb, doch durchgesetzt haben sie sich noch lange nicht.


Russisch

Es gibt im Russischen ein kleines, altes Rätsel: Vater und Sohn haben einen Unfall, der Vater stirbt, der Sohn kommt in ein Krankenhaus. Dort sieht der Arzt ihn und sagt: „Das ist mein Sohn.“ Wie das? „Der Arzt“ ist seine Mutter, denn das Wort Ärztin gibt es nicht auf Russisch. Zwar existieren weibliche Berufsbezeichnungen, doch nur für die Berufe, die früher hauptsächlich von Frauen ausgeübt wurden, z.B. Lehrerin und Krankenschwester. Die höheren Berufsbezeichnungen waren bis vor kurzem beinah immer männlich. Es gab nur den Piloten, den Präsidenten, den Autor und so weiter. Doch Feministinnen haben sich nun ein neues Suffix ausgedacht, sie nennen es „Feminitiv“, und viele streiten jetzt darüber. Es sind zwei Buchstaben: „ka“. Damit es eine Präsidentka gibt und auch eine Autorka. Pilotka hingegen ist ein wenig problematisch, weil dieses Wort schon existiert, es bedeutet übersetzt Schiffchenmütze.
Das könnte witzig sein, doch Gendergegner verstehen keinen Spaß in Russland. Sie nennen das „ka“-Suffix „Gewalt an Sprache“. Aber es gibt auch Feministinnen, die kein „ka“ hinter ihren Berufen sehen wollen. Denn die zwei Buchstaben wirken im allgemeinen Sprachgebrauch verkleinernd und verniedlichend. Und was ist mit den nichtbinären Personen in Russland? Öffentlich treten sie kaum auf, und wenn, dann wollen sie mit „es“ bezeichnet werden. Doch die Debatte über eine korrekte nichtbinäre Form gibt es in Russland im Moment noch nicht.


Es wird mehr als deutlich, dass Menschen verschiedenster Sprachen dieser Welt kreative Möglichkeiten erfinden. Durchsetzen werden sich am Ende die, die sich in die Sprache integrieren lassen und zur Gewohnheit werden. „Wir erleben einen Sprachwandel im Zeitraffer“, sagt Prof. Michael Becker-Mrotzek vom Mercator-Institut der Uni Köln. Und das nicht in einer Sprache, sondern in vielen Sprachen. Und er sagt auch: Am Ende setzt sich das durch, was viele Menschen als nützlich und praktisch empfinden und deswegen verwenden.

Was muss hier nun für Übersetzungen berücksichtigt werden?

Wenn sich ein Unternehmen im Deutschen für das Gendern entscheidet, sollte diese Entscheidung im Rahmen der Corporate Language auch für weitere Sprachen geprüft werden. Hierbei müssen neben dem Gendern-Verhalten des Ziellandes und der möglichen sprachlichen Umsetzungen auch die jeweilige Textsorte bzw. das angesprochene Zielpublikum berücksichtigt werden. Zwei grundlegend unterschiedliche Bereiche wären hier z.B. die technische Dokumentation, die weiterhin in vielen Sprachen eher allgemein bzw. generisch maskulin formuliert wird, um möglichst kurz und verständlich zu bleiben, und auf der anderen Seite Texte aus den Bereichen Werbung, Marketing oder Tourismus, bei denen immer mehr Wert auf eine genderneutrale bzw. -gerechte Ansprache aller Rezipienten gelegt wird.

An dieser Stelle ist es wichtig, die Entscheidung, ob und wenn ja in welcher Form in einer Zielsprache gegendert werden soll, nicht „von oben“ aufzuzwingen (nur weil eine entsprechende Entscheidung im Deutschen gefallen ist), sondern sie zusammen mit den jeweiligen Auslandsniederlassungen zu treffen. Niemand kennt den Zielmarkt so gut wie die Kollegen vor Ort und ob gegendert wird oder nicht, ist Teil einer Kommunikationsstrategie, die für jede Sprache leicht unterschiedlich sein kann. Gibt es für den Zielmarkt keine Niederlassung, sollten Unternehmen sich eng mit Übersetzer:innen und Dienstleister:innen abstimmen, die mit den landesspezifischen Gegebenheiten vertraut sind und diese einschätzen können. Völlig außer Acht lassen sollte man das Thema auf jeden Fall nicht.

Aktuell gibt es aber in allen Ländern nur wenige oder noch gar keine offiziellen Vorgaben oder Richtlinien. Das Thema wird sich in den nächsten Jahren also sicherlich in allen Geschäftssprachen noch stark entwickeln und somit auch beim Übersetzen weiter im Fokus stehen. Es ist wichtig und bleibt spannend.